„Schatz, kannst Du nicht vielleicht …?“

„Schatz, kannst Du nicht vielleicht …?“

Eigentlich hätte der Online-Handel ein Segen für die geplagten Männer sein sollen, die ihre Freizeit bis dahin wartenderweise vor den Umkleidekabinen der Republik verbringen mussten. Es hätte so einfach sein können – endlich nicht mehr jedes Wochenende auf unbequemen Hockern darauf warten, dass sich der Kabinenvorhang zum 20. Mal öffnet und Frau oder Freundin ein weiteres Outfit präsentiert, dessen Kauf dann erst nach einer weiteren Stunde des Debattierens vonstatten gehen kann. Stattdessen nur mal eben bequem von der Couch aus den Blick vom Bundesliga-Geschehen auf den virtuellen Einkaufskorb werfen, den frau auf dem Tablet präsentiert …

Doch es kam ganz anders: War es früher immerhin nach dem Samstagnachmittag geschafft, geht es heute mit dem „Kaufen“-Klick der besseren Hälfte erst richtig los: „War es wohl die richtige Entscheidung?“ „Hätte ich nicht nur zwei, sondern lieber gleich drei oder gar vier verschiedene Größen zum Vergleich bestellen sollen?“ Wenigstens sitzt man(n) bei dieser Debatte nun bequem und freut sich, dass kein Tütentragen mehr auf dem Programm steht. Die Einkaufsbeute wird einfach in Kartons aus Wellpappe geliefert – vom Paketboten.

Trotzdem lässt sich natürlich noch eine Mitwirkungsmöglichkeit für Männer finden. Denn ist die erste Aufregung über die Online-Schnäppchen verflogen, geht’s ans Praktische: Wer kann das Paket in Empfang nehmen? Nicht auszudenken, dass man selbst nicht zuhause ist und die Lieferung beim Nachbarn landet, der sonst nie da ist. Selbst wenn die Bluse bis zur Bestellung zwei Wochen lang im Einkaufskorb des Online-Shops lag – jetzt muss sie so schnell wie möglich anprobiert werden. Wie gut, dass der Liebste eine flexible Mittagspause hat! „Schatz, kannst Du nicht vielleicht…?“

Auch bei dem was folgt, sobald das ersehnte Paket ausgepackt wurde, ist weiterhin voller Einsatz gefragt. Man(n) soll nun die „ganz ehrliche Meinung“ abgeben. Zu jeder möglichen Kombination von neu Erworbenem und schon im Kleiderschrank Vorhandenem. Dabei darf bloß kein Wort über das Chaos verloren werden, das dabei entsteht!

Aber auch damit ist es nicht geschafft – nach einer intensiven Modenschau wird der Großteil der Bestellung gern wieder zurück ins Paket gepackt, Retouren sind schließlich – noch – umsonst. Wer es dann am besten zur Post oder in den Paketshop bringt steht natürlich fest: „Schatz, kannst Du nicht vielleicht …?“

Ein kleiner Tipp für den Smalltalk in der Schlange der paketbepackten Männer: die guten alten Kabinenhocker.

By | 2014-06-23T10:33:21+00:00 23.06.2014|Wellenspitzen|0 Kommentare

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Wellenreiter
Der Wellenreiter surft auf aktuellen Trends aus den Bereichen Kunst, Design oder Technik. Alles was er dazu braucht, sind sein Board und Geschichten von Menschen, die Ideen Wirklichkeit werden lassen – und seien sie noch so verrückt. Dass die kühnen Designentwürfe, atemberaubenden Events oder kreativen Höhenflüge alle etwas mit Wellpappe zu tun haben, versteht sich von selbst. Schließlich vertraut der Wellenreiter dem natürlichen und vielseitigen Material. Vielleicht hast Du ja auch eine Story, die der Wellenreiter erzählen sollte. Dann schick sie ihm einfach, er freut sich drauf!

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